The Moviepage

Film-Blog - eingestellt

Montag, Januar 22, 2007

Kritik: Flags of Our Fathers

USA, FSK 12, 131 Minuten

Genre: Kriegs-Drama
Start: 18. Januar 2007

Regie: Clint Eastwood
Drehbuch: Paul Haggis, William Broyles jr.
Darsteller: Ryan Phillippe, Jesse Bradford, Adam Beach, John Benjamin Hickey, John Slattery, Barry Pepper, Jamie Bell, Paul Walker, Robert Patrick, Neal McDonough


Die Schlacht um die japanische Insel Iwo Jima gilt als eine der bedeutendsten des Zweiten Weltkrieges. 7 000 von 100 000 angreifenden amerikanischen Soldaten fanden den Tod, ebenso wie nahezu alle verteidigenden japanischen - etwa 20 000. Clint Eastwood, der den Stoff im Auftrag von Steven Spielberg inszenierte, hat sich gegen Ende der Dreharbeiten dazu entschlossen, einen weiteren Film folgen zu lassen, der die Sicht der Japaner zeigen wird. Dieser Film - "Letters From Iwo Jima" - startet in Deutschland am 22. Februar.

Nach knapp dreitägigem Bombardement landen am 19. Februar 1945 US-Marines (30 000 Mann) auf Iwo Jima und erleben eine böse Überraschung. Die Japaner, kaum sichtbar in Schützengräben und unterirdischen Anlagen versteckt, fügen den Amerikanern zunächst schwere Verluste zu, auch wenn die Schlacht 35 Tage später zu Gunsten der angreifenden Mächte entschieden ist. Im Verlauf dieser Schlacht entsteht eines der berühmtesten Bilder des 20. Jahrhunderts - sechs junge amerikanische Soldaten hissen auf dem Vulkan Suribachi die US-Flagge. Das Foto geht um die Welt und schafft es natürlich auch in die heimischen Zeitschriften. Die Regierung sieht darin eine nahezu einmalige Chance, den Kriegsapparat - so gut wie pleite - wieder auf Vordermann zu bringen. Die drei noch lebenden Hisser John Bradley (Ryan Phillippe), Rene Gagnon (Jesse Bradford) und Ira Hayes (Adam Beach) werden in die Heimat beordert und fortan als Helden verehrt. Doch natürlich ist nicht die Ehrung der drei jungen Männer der primäre Grund für ihre Heimkehr - stattdessen "dürfen" sie mit ihrer Geschichte auf Werbetour gehen und die Menschen dazu bewegen, Kriegs-Anleihen zu kaufen.

Clint Eastwood hat einen großen Fehler begangen, der einem potentiell wirklich starken Film im Weg steht: Er erzählt die Geschichte nicht chronologisch, sondern zweigeteilt. Im Grunde sind es sogar drei Teile. Immer wieder wechselt er zwischen der Action-lastigen Schlacht auf Iwo Jima und der Werbetour hin und her und steht sich damit praktisch selbst im Weg. Auch wenn sich die Thematik gleicht (junge Männer an einem Ort, an dem sie eigentlich nicht sein möchten), verhindert diese Vorgehensweise, dass man tiefer zu den Figuren vordringt. Die Kriegsszenerie macht nur Sinn, wenn diese bedrohliche Stimmung konstant aufrecht erhalten wird - der andere Schauplatz ist somit Gift. Dies gilt genau so auch andersherum. Kaum hat man sich wieder einigermaßen orientiert und ist richtig "drin", geht's auch schon wieder ein paar Wochen in die Vergangenheit oder Zukunft. Eine chronologische Erzählweise hätte aus "Flags of Our Fathers" kein Meisterwerk gemacht, aber zumindest einen besseren Film.

Denn was möglich gewesen wäre, zeigt sich immer dann, wenn Eastwood wirklich mal länger an einem Ort verweilt. Vor allem die Szenen der ersten Landung der US-Truppen erzeugen eine ungeheure Intensität, bei der man sich gelegentlich nicht wirklich wohl fühlt. Natürlich werden Erinnerungen an Spielbergs berühmt-geniale Eröffnungssequenz aus "Der Soldat James Ryan" wach, doch Eastwood hat hier seinen eigenen Stil gefunden. Schritt für Schritt baut er ein unbehagliches Gefühl auf. Zunächst schieben die Japaner aus ihren sicheren Verstecken die Waffen hervor, um dann als unsichtbarer Feind mit einem Mal die Hölle über die Amerikaner hereinbrechen zu lassen. Eastwood findet immer wieder ein neues Bild, meist mit Handkameras gedreht. Die Schlacht ist unglaublich aufwändig gestaltet und das Budget von mehr als 50 Millionen US-Dollar zu jeder Sekunde sichtbar.

Einige Wochen nach Entstehung des Fotos kämpfen drei Männer an einer anderen Front. Von hohen Tieren ihres Heimatlandes werden sie wie Puppen herumgereicht, als wahre Helden präsentiert, deren Geschichte die Menschen dazu animieren soll, ihr Geld in den Fortlauf des Krieges zu investieren. Ob mit Plakaten an der Straßenecke oder in Baseball-Stadien, ob mit Nachbildungen in Stein oder in Gestalt von Desserts - überall werden John, Rene und Ira von diesem Bild verfolgt. Den Höhepunkt erreicht diese unwürdige Tour in einem makaberen Prozedere, in dem die drei Kriegshelden den Aufstieg auf den Vulkan und das Hissen der Flagge nachstellen sollen. Kriegshelden - vor allem Ira, "Häuptling genannt, weil er aus einem Indianer-Stamm kommt, will das eigentlich gar nicht sein und geht an diesem bizarren Schauspiel mit jedem weiteren Tag zu Grunde.

Besonders dieser Charakter hätte ruhig viel stärker ins Detail gehen dürfen, stattdessen erfahren (besser: merken) wir kaum mehr, als dass die Situation den dreien recht unangenehm ist. Nicht nur hier vergibt Eastwood eine große Chance, sondern vor allem eben auch durch die Entscheidung, zwischen beiden Ebene hin und her zu springen. Die Intensität des einen und die Tragik des anderen kommt so kaum zum Tragen. Auch darüber, ob eine dritte, in der Gegenwart spielende Ebene unbedingt nötig gewesen ist, lässt sich streiten. Doch immerhin scheint Eastwood diese dazu zu gebrauchen, seine persönliche Meinung zum Thema Heldentum zum Ausdruck zu bringen.

Da diese Rezension von einem großen Fehler handelt, sollte auch ein zweiter Fehlgriff kurz zur Ansprache kommen: Von der FSK wurde "Flags of Our Fathers" ab 12 freigegeben. Auf die Begründung, inwiefern ein Film, der mit dem Bild frei liegender Gedärme eines noch lebenden Soldaten beginnt, für zwölfjährige Kinder geeignet sein soll, wäre ich wirklich mehr als gespannt. Die Genre-üblichen Kopfschüsse, abgetrennten Gliedmaßen und später schließlich auch noch Soldaten, die das Innere außen tragen, folgen natürlich auch noch. Eine unglaubliche Einschätzung der FSK, die nichts anderes als Kopfschütteln hervorruft. Dass es Eastwood jedoch nicht in erster Linie darum geht, den Zuschauer mit ausufernder Brutalität zu schocken, zeigt sich darin, dass er den Anblick eines Soldaten, welcher als furchtbar beschrieben wird, schlicht verweigert und stattdessen nur die Reaktion eines Soldaten auf diesen zeigt.

Bei der Presse kommt "Letters From Iwo Jima" im Schnitt besser weg als "Flags of Our Fathers", womit das Interesse also vor allem dem Film gelten sollte, der in einem Monat folgt. "Flags" hat einige starke Momente, kommt aber im Großen und Ganzen über gute Ansätze nicht hinweg. Eastwood steht sich mit seiner Erzählform leider selbst im Weg und wird in diesem Jahr auf einen weiteren Regie-Oscar wohl verzichten müssen.

Note: 3+


Aktuelle Kritiken

The Fountain (18.01.07)
Wer Feuer sät... (18.01.07)
Der Fluch der Betsy Bell (11.01.07)
Prestige (04.01.07)
Der weiße Planet (28.12.06)
Déjà Vu (27.12.06)
Die Rotkäppchen-Verschwörung (27.12.06)
Babel (21.12.06)
Departed: Unter Feinden (07.12.06)
Casino Royale (23.11.06)